Hier finden Sie Fallbeispiele aus den Organisationen, die als Unternehmenslabore am Projekt KI-ULTRA teilgenommen haben.
29 Unternehmen wurden im Rahmen der Feldforschungsphase von KI-ULTRA bei einem KI-Einführungs-projekt begleitet. Dabei wurden über einen Zeitraum von 6 bis 18 Monaten immer wieder Gespräche geführt, unterschiedliche Stakeholder befragt, gemeinsame Workshops zu wichtigen KI-Themen durchgeführt und so eine tiefgehende ethnographische Begleitung des Einführungsprojekts erreicht. Im Rahmen dieser Feld-forschung entstanden Fallstudien aus den einzelnen Unternehmen, die als wertvolle „Best-Practice“ ebenso wie als „Lessons Learned“ für andere Unternehmen dienen können. Stöbern Sie durch die einzelnen Berichte und lassen Sie sich inspirieren!




Unternehmen: msg life AG
Ort: Wien, Köln, Leinfelden-Echterdingen
Anzahl der Mitarbeitenden: ca. 1.000
Gründungsjahr: 1980
Branche: Informationstechnik und Software, IT-Lösungen für Versicherer
Company: msg life AG
Location: Vienna, Cologne, Leinfelden-Echterdingen
Number of employees: approx. 1,000
Year of foundation: 1980
Sector: Information technology and software, IT solutions for insurers
Ausgangssituation
Das Unternehmen msg life ist nach eigenen Angaben marktführender Anbieter von Software-Lösungen für Lebensversicherungen im deutschsprachigen Raum. KI-Algorithmen werden u. a. genutzt, um Effizienzpotenziale beim Management großer Datenmengen auszuschöpfen. Bei msg life hat sich ein Team von Software-Entwickler*innen und Aktuaren (Versicherungsmathematiker*innen) in die KI-Thematik eingearbeitet. Erste prototypische Anwendungen wurden auf Projektbasis realisiert. KI hat sich hierbei als praktikable Technologie erwiesen. Unternehmenskund*innen verfolgen die technologischen Innovationen von msg life mit hoher Aufmerksamkeit. Nach Abschluss der Pionierphase gilt es nun, die KI-bezogenen Projektaktivitäten in der betrieblichen Organisation und in den Geschäftsprozessen zu verankern. Zudem gilt es Entscheidungskriterien zu entwickeln, um einschlägige Investitionsentscheidungen des Top-Managements abzusichern. Zur Verstetigung des Innovationsprozesses sind fachliche Kompetenzen zu bündeln und Ressourcen bereitzustellen.
Lösungsansatz
In drei Workshops wurden Wege erörtert, wie KI-Projektaktivitäten in die betriebliche Organisation zu integrieren sind. Innovation und Technik sind bei msg life in der Praxis von Kund*innen oder der Regulatorik getrieben, und die zugehörigen Prozesse seit langem etabliert. KI-Breakthrough-Innovationen machen neue Ansätze und Prozesse notwendig, die in den Gesamtkontext zu integrieren sind. Im Mittelpunkt stand das Fuzzy-Frontend des Innovationsprozesses, bei dem Freiräume für kreative Prozesse in Verbindung mit externen Wissensquellen entscheidend sind und die daraus resultierenden Ansätze ökonomisch bewertet werden müssen.
Managemententscheidungen zu KI-Projekten bedürfen hierbei einer möglichst validen Nutzen-Risiko-Abschätzung. Ein modifizierter Business Model Canvas (BMC) schuf einen methodischen Zugang, um die Schlüsselfaktoren des Geschäftsmodells zu beschreiben. Im Diskussions- und Reflektionsprozess kristallisierte sich ein Spannungsfeld zweier Strömungen heraus: Innovative KI-Anwendungen werden üblicherweise bottom-up, d. h. aus der Fachebene konzipiert. Die betriebswirtschaftliche Absicherung eines solchen Vorhaben erfolgt hingegen top-down durch eine Investitionsentscheidung des Top-Managements. Beide Strömungen gilt es zu integrieren. Mangels geeigneter Kennzahlen fällt eine Beurteilung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses bei komplexen KI-Anwendungen schwer. Als ein pragmatischer Lösungsansatz wurden „stage gates” definiert, deren erfolgreiche Erfüllung eine Fortführung einschlägiger Projektaktivitäten legitimierte. Ferner wurden Ausstiegspunkte für KI-Projektaktivitäten für den Misslingensfall beschrieben, um die Handlungssicherheit des Managements zu erhöhen. Die Diskussion der BMC-Faktoren legte die agile Entwicklungsdynamik in KI-Projekten offen, was eine bürokratische Projektplanung weithin ausschließt. Um betriebswirtschaftliche Entscheidungen abzusichern, erlangen menschliche Eigenschaften an Bedeutung (i. S. Frühindikatoren): Hierzu gehören die Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Projekt (was u. a. in einer geringen Fluktuationsquote zum Ausdruck kommt), das Empfinden von Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit, um zu „etwas Großem” beizutragen, sowie ein hierarchieübergreifendes Vertrauensverhältnis aller Projektbeteiligten. Ferner wirken qualifizierte Rückmeldungen von Unternehmenskunden zu prototypischen Entwicklungsergebnissen erfolgsfördernd. Die einschlägigen Projekterfahrungen des Projektteams schaffen zukünftig eine Grundlage, um einschlägige Aktivitäten qualifiziert zu beurteilen.
Beteiligte Interessensgruppen
Technologie
Technologie stand nicht im Mittelpunkt des Projekts.
Herausforderungen
Die herausfordernde Aufgabe im Projekt betrifft die Integration komplementärer Strömungen, um mitarbeiterbezogene Fähigkeiten (aus bottom-up-Ansatz) mit finanziellen Ressourcen (aus top-down-Ansatz) zusammenzuführen. Angesichts der hohen Dynamik des Software-Entwicklungsprozesses und der Adaptivität der entwickelten KI-Algorithmen lassen sich betriebswirtschaftliche Erfolgskennzahlen immer weniger auf das Arbeitsergebnis beziehen (d. h. Ausgangsgröße); vielmehr stützen sie sich (insbesondere in frühen Projektphasen) verstärkt auch auf Eingangs- und Prozessgrößen des Geschäftsmodells.
Ergebnis
Als eine erfolgskritische Prozessgröße des Geschäftsmodells erweist sich die Kohärenz (d. h. Einklang) der menschlichen Zusammenarbeit, wobei abweichende Perspektiven, individuelle Fähigkeiten und divergierende Interessen zu einem gemeinsamen, stimmigen Arbeitsergebnis zusammenzuführen sind. Ein solcher Koordinationsprozess setzt ein gemeinsames Verständnis der Aufgabe sowie eine gemeinsame Sprache voraus. Ferner erweist sich eine intrinsische Motivation aller Projektbeteiligten als unabdingbar. Klassische organisatorische Mittel (wie Stellenbeschreibungen oder detaillierte Budgetpläne) werden der hohen Entwicklungsdynamik hingegen immer weniger gerecht; sie dienen vielmehr als Ausstiegskriterien, die bei Nicht-Erfüllung zu erwägen sind.
Learnings
KI-Projekte betreffen nicht nur technologische Fragestellungen. Aufgrund der Dynamik, Komplexität und strukturellen Widersprüchlichkeit des Gestaltungsgegenstandes erlangen menschliche Leistungsvoraussetzungen und organisatorische Rahmenbedingungen eine erfolgskritische Relevanz. Quantitative Erfolgskennzahlen treten neben qualitative Frühindikatoren des Geschäftsmodells und erweitern das Betrachtungsspektrum. Technologischer Fortschritt geht letztlich unabdingbar mit menschlicher Entwicklung einher. Die Arbeitsgestaltung verbindet beide erfolgskritischen Dimensionen im Spannungsfeld von Rationalität und Humanität.
Initial situation
According to msg life, the company is the market-leading provider of software solutions for life insurance companies in the German-speaking region. AI algorithms are used, among other things, to exploit efficiency potential in the management of large volumes of data. At msg life, a team of software developers and actuaries have familiarized themselves with the topic of AI. The first prototype applications have been implemented on a project basis. AI has proven to be a practicable technology. Corporate customers are following msg life’s technological innovations with great interest. Now that the pioneering phase has been completed, the AI-related project activities need to be anchored in the operational organization and business processes. In addition, decision-making criteria need to be developed in order to secure relevant investment decisions by top management. In order to stabilize the innovation process, technical expertise must be bundled and resources made available.
Solution approach
Three workshops were held to discuss ways of integrating AI project activities into the operational organization nization. In practice, innovation and technology at msg life are driven by customers or regulation, and the associated processes have long been established. AI breakthrough innovations require new approaches and processes that need to be integrated into the overall context. The focus was on the fuzzy front end of the innovation process, in which freedom for creative processes in conjunction with external knowledge sources is crucial and the resulting approaches must be evaluated economically.
Management decisions on AI projects require a risk-benefit assessment that is as valid as possible. A modified Business Model Canvas (BMC) created a methodical approach to describe the key factors of the business model. In the discussion and reflection process, a tension between two trends emerged: Innovative AI applications are usually conceived bottom-up, i.e. from the specialist level. In contrast, the business case for such a project is made top-down through an investment decision by top management. Both trends need to be integrated. Due to a lack of suitable key figures, it is difficult to assess the cost-benefit ratio of complex AI applications. As a pragmatic solution approach, “stage gates” were defined, the successful fulfilment of which legitimized the continuation of relevant project activities. Furthermore, exit points for AI project activities in the event of failure were described in order to increase the certainty of action of the management ments. The discussion of the BMC factors revealed the agile development dynamics in AI projects, which largely rules out bureaucratic project planning. In order to safeguard business decisions, human characteristics are becoming increasingly important (i.e. leading indicators): These include the employees’ identification with the project (which is expressed, among other things, in a low turnover rate), the sense of purpose and self-efficacy to contribute to “something big”, as well as a relationship of trust across hierarchies among all project participants. Furthermore, qualified feedback from corporate customers on prototypical development results promotes success. The relevant project experience of the project team creates a basis for a qualified assessment of relevant activities in the future.
Stakeholders involved
Technology
Technology was not the focus of the project.
Challenges
The challenging task in the project concerns the integration of complementary streams in order to combine employee-related skills (from a bottom-up approach) with financial resources (from a top-down approach). In view of the highly dynamic nature of the software development process and the adaptability of the AI algorithms developed, business success indicators are less and less related to the work result (i.e. output variable); instead, they are increasingly based on input and process variables of the business model (especially in early project phases).
Result
The coherence (i.e. harmony) of human cooperation proves to be a process variable critical to the success of the business model, whereby differing perspectives, individual skills and divergent interests must be brought together to produce a common, coherent work result. Such a coordination process requires a common understanding of the task and a common language. Furthermore, the intrinsic motivation of all project participants is indispensable. Traditional organizational tools (such as job descriptions or detailed budget plans), on the other hand, are less and less suited to the highly dynamic nature of development; rather, they serve as exit criteria to be considered in the event of non-fulfillment.
Learnings
AI projects are not just about technological issues. Due to the dynamics, complexity and structural inconsistency of the object of design, human performance requirements and organizational framework conditions become critical to success. Quantitative success indicators take their place alongside qualitative early indicators of the business model and broaden the spectrum of considerations. Technological progress ultimately goes hand in hand with human development. Work design combines both success-critical dimensions in the field of tension between rationality and humanity.